EIN MENSCH DER FÜHLT

EIN MENSCH DER FÜHLT

Es gibt Menschen, deren Herz leiser schlägt als die Welt um sie herum, aber tiefer fühlt. Ich glaube ich bin so ein Mensch. Ich habe nie gelernt, das Leid anderer zu übersehen, sondern ich nehme das in mir auf, als wäre es ein Teil meines eigenen Lebens. Wer so empfindet wie ich, trägt eine besondere Form der Stärke in sich, auch wenn sie von außen oft wie eine Schwäche wirkt. Leider empfinde ich dies auch selbst schon lange nicht mehr als Stärke. In einer Zeit, die laut, schnell und oft gleichgültig erscheint, fühle ich mich oft fremd, als stünde ich am Rand einer Gesellschaft, die das Geben für selbstverständlich hält, aber das Danken oft sehr leise ist. So kann aus einem offenen Herzen langsam eine stille Müdigkeit entstehen, eine Schwermut, die nicht aus Bitterkeit geboren wird, sondern aus der wiederholten Erfahrung, dass Mitgefühl nicht immer erwidert wird. Der Mensch, der hilft, ohne sofort an sich selbst zu denken, bewegt sich in einem inneren Spannungsfeld. Denn Einerseits liegt in mir die tiefe Überzeugung, dass Mitgefühl keine Option, sondern eine menschliche Pflicht ist, dass ein Leben, das nur nimmt, seine Würde verliert. Andererseits wächst in mir der stille Wunsch, nicht unsichtbar zu bleiben, sondern in meinem Handeln gesehen zu werden. Ich wünsche mir Wertschätzung, was mich hoffentlich nicht zum schlechten Menschen werden lässt, sondern das andere meine menschliche Seite erkennen. Denn wenn ich gebe und fühle, ohne gesehen zu werden, beginne ich irgendwann zu zweifeln, nicht nur an den anderen, sondern auch an mir selbst. So stelle ich mir oft die quälende Frage, ob mein Helfen wirklich aus meiner Güte kommt oder ich nur den Wunsch nach Anerkennung habe. Aber vielleicht liegt die Wahrheit nicht in dieser strengen Trennung. Vielleicht ist es zutiefst menschlich, beides zugleich zu sein, ein Mensch, der helfen möchte, weil mein Herz so geformt ist, und ich mich zugleich freue, wenn diese Güte nicht im Schweigen verschwindet. Die Freude am Geben und die Freude am Empfangen widersprechen sich nicht, sie gehören meiner Meinung nach zum gleichen Kreis menschlicher Verbundenheit. Oder denke ich da falsch, und man ist erst dann ein guter Mensch wenn man keine eigene Erwartung hat.och wer wie ich mit offenem Herzen lebt, sollte auch seine Grenzen kennen. Ich frage mich grade ob ich die jemals gekannt habe. Aber eins habe ich erkannt. Vergebung ist für mich ein Zeichen von Größe, auf die ich stolz bin dies zu können. Aber sie verpflichtet mich nicht dazu denjenigen zu verzeihen, die mich bewusst zerstören wollen. Es gibt Verletzungen, die nicht aus Unachtsamkeit entstehen, sondern aus Absicht, Taten, die nicht nur schmerzen, sondern die Würde eines Menschen angreifen. Wenn ein Mensch versucht, mich klein und krank zu machen, oder mein Leben zu brechen, dann hinterlässt das Spuren in mir die tiefer reichen als Worte.Und mit der Zeit können aus solchen Erfahrungen Gefühle wachsen, die ich selbst erst nicht erkenne. Verbitterung beginnt sich langsam auszubreiten, eine stille Unzufriedenheit legt sich oft über meine Gedanken, und mein Leben verliert Stück für Stück seine Leichtigkeit. Der Körper bleibt davon nicht unberührt, manchmal entstehen Defizite, eine Erschöpfung, eine innere Spannung, die sich kaum erklären lässt. Es sind Beschwerden, die sich nicht immer klar benennen lassen, als hätte sich die Seele entschieden, über den Körper zu sprechen. Es hindert den Körper daran, positive und schöne Gefühle zu spüren, und manchmal bleibt dann nur noch das deutlichste Signal, das der Körper kennt. Schmerz.Und manchmal entsteht aus all dem auch etwas, das ich nie haben wollte und eigentlich sogar ablehne, Hass. Ein dunkles Gefühl, das sich gegen die richtet, die verletzt haben, aber gelegentlich auch gegen mich selbst. Denn ich trage sehr viel Mitgefühl in mir und erschrecke mich dann über diesen Teil in mir, weil er nicht zu dem Bild passt, das ich selbst in mir habe. Doch ich denke das dieser Hass ist oft nichts anderes als eine verdichtete Form von Schmerz, ein Ausdruck meiner Seele ist, die oft übergangen oder verletzt wurde. Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung eines empathischen Menschen wie mir darin, zu erkennen, dass auch diese widersprüchliche Gefühle wahrscheinlich Teil des Menschseins sind. Ich darf erschöpft sein, ich darf auch wütend sein, darf verbittert sein und manchmal darf ich sogar hassen, ohne dass dadurch meine Menschlichkeit verloren geht. Entscheidend ist nur, dass diese Dunkelheit nicht das letzte Wort über mein eigenes Leben bekommt.Und davor habe ich auch Angst.Aber ein Mensch, der trotz all seiner Verletzungen noch darüber nachdenkt, was richtig und was menschlich ist, hat doch etwas bewahrt, das viele längst verloren haben. Oder nicht? Vielleicht besteht der Weg nicht darin, vollkommen gut zu sein, sondern darin, trotz aller Dunkelheit in sich immer wieder den Wunsch zu spüren, menschlich zu bleiben.

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