Ein Leben ist müde
Und wenn die Müdigkeit des Lebens schwerer wird als der Körper und das Herz leise geworden ist, wenn selbst die Tränen keine Sprache mehr finden und die Kräfte langsam versiegen, dann ist da vielleicht mehr als nur ein Ende. Dann sammeln sich all die Worte, die einst wie warmer Regen auf die Seele gefallen sind, all die Hände, die gehalten haben, all die Blicke, die ohne Urteil sagten du bist nicht allein. Nichts davon geht verloren, keine Geste der Liebe, kein Flüstern des Trostes, kein stilles Dasein. Alles wird zu einem sanften Leuchten in der Tiefe des Seins. Wenn die letzte Reise beginnt, dann ist sie nicht einsam, denn die Seele trägt die Spuren der Liebe in sich wie Sterne in einer klaren Nacht. Sie wird begleitet von dem, der sie von Anfang an gekannt hat, der jeden Schmerz gesehen und jede Träne gezählt hat. Vielleicht öffnet sich das Licht nicht grell und überwältigend, sondern sanft und warm, wie eine Tür, die schon immer offenstand und nun den Blick freigibt auf das, was größer ist als alle Angst.Dort endet das Ringen zwischen Freude und Leid, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, dort verstummt das Auf und Ab des Lebens. Es ist kein Sturz ins Nichts, sondern ein Ankommen, kein Verlieren, sondern ein Heimkehren. Die Worte, die unsere Seele hier berührt haben, die Gesten, die uns Kraft gaben, sie begleiten uns weiter und tragen uns durch den letzten Schritt. Und im Licht wird alles vollendet, was auf Erden zerbrechlich war, alles wird gehalten in einer Gerechtigkeit, die nicht urteilt, sondern liebt.Und denen, die zurückbleiben, gilt kein endgültiger Abschied. Denn wer gegangen ist, trägt die Seinen im Herzen, nicht als Schmerz allein, sondern als Liebe, die bleibt. Keine Umarmung war vergeblich, kein gemeinsames Lachen verloren, keine Träne umsonst geweint. Was verbunden war, bleibt verbunden, über die sichtbaren Grenzen hinaus. In der Stille kann man es manchmal spüren, wie ein leiser Trost, wie ein warmer Hauch der Erinnerung, der sagt ich bin nicht fort, ich bin nur vorausgegangen. Und in jedem liebevollen Gedanken, in jedem stillen Gebet, begegnen sich Himmel und Erde für einen Augenblick wieder.