DIE WELT SEHEN WIE SIE IST
Ich nehme Diskussionen oft persönlich, das weiß ich von mir selbst, und lange habe ich mich gefragt, warum das so ist. Mittlerweile glaube ich, ich habe die Antwort gefunden. Es liegt daran, dass ich mich so oft rechtfertigen muss, für Dinge, die sich für mich völlig anders darstellen, als sie am Ende erzählt werden.
Ich bin jemand, der gerecht mit Dingen und Menschen umgeht. Von mir kann jeder alles bekommen, Verständnis, Wertschätzung und vor allem Respekt. Ich erkenne an, was Menschen leisten, auch dann, wenn es niemand sonst sieht. Ich versuche in meinem ganzen Leben immer wieder, gerecht zu handeln, ich unterstütze Menschen in Situationen, in denen sie Hilfe brauchen, und ich möchte niemals jemanden verletzen oder beleidigen. Ich halte mich an Gesetz und Ordnung, weil ich glaube, dass ein Miteinander nur so funktionieren kann. Das ist keine Rolle, die ich spiele, das ist einfach die Art, wie ich durch die Welt gehe.
Aber genau dafür werde ich manchmal kritisiert. Wenn ich Unrecht nicht einfach hinnehmen kann und darauf reagiere, wenn ich mich für ein Fehlverhalten rechtfertigen muss, das gar nicht von mir ausging, dann empfinde ich das nicht als Gespräch, sondern als Maßregelung. Als wäre nicht das Unrecht das Problem, sondern meine Reaktion darauf.
Besonders deutlich wird mir das im Umgang mit Amtspersonen, mit Zoll oder Polizei. Ich weiß, dass sie im Recht sein können, auch wenn sie sich dabei im Ton vergreifen oder ihre Amtsgewalt unangemessen ausüben. Und ich weiß auch, dass von mir in solchen Momenten Verhältnismäßigkeit erwartet wird, ganz gleich, wie mein Gegenüber sich verhält. Ich gebe zu, dass mir das nicht immer gelingt, zumindest nicht in wirklich extremen Situationen, in denen ich mich respektlos behandelt fühle. Und genau dann kommt die belehrende Antwort, ich solle doch ruhig bleiben, egal was der andere tut. Als wäre es meine Aufgabe, Fassung zu bewahren, während der andere sie verlieren darf, weil er die Uniform trägt.
Diese Ungerechtigkeit begegnet mir auch in größerem Maßstab. Ich arbeite seit fast fünfzig Jahren, ich zahle meine Abgaben, ohne mich zu drücken, und ich habe daneben immer wieder ehrenamtlich mitgearbeitet, weil ich glaube, dass man der Gesellschaft etwas zurückgeben sollte, wenn man kann. Und trotzdem muss ich es als gerecht hinnehmen, dass ein System auch die belohnt, die nie eingezahlt und sich nie eingebracht haben. Nicht falsch verstehen, denn das tue ich auch und ich bin auch dafür Verantwortung für die soziale schwachen zu übernehmen. Ich bin jetzt selbst von einer neuen Regelung betroffen, die es mir nicht mehr erlaubt, nach fünfzig Arbeitsjahren mit fünfundsechzig ohne Abzüge in Rente zu gehen. Auch das ist für mich dieselbe Erfahrung. Wer sich an die Regeln hält und ein Leben lang leistet, wird am Ende nicht anders behandelt als der, der es nicht tat, manchmal sogar schlechter.
Und dann kommt oft noch etwas Schlimmeres hinterher. Eine Art Erklärung, warum ich für Dinge bestraft werde, die ich selbst nie beachtet habe. Ich sei ja selbst schuld, heißt es dann, weil ich zu auffällig sei, weil ich es nicht schaffe, mich herauszutricksen, so wie es andere anscheinend mühelos können. Das ist der Moment, in dem aus Kritik eine Belehrung wird. Als hätte ich nicht verstanden, wie diese angeblich so gerechte Welt wirklich funktioniert. Als wäre ich naiv, weil ich glaube, dass Fairness etwas ist, das man leben kann, während andere längst gelernt haben, sich klug genug zu verhalten, um für dasselbe nicht bestraft zu werden.
Das trifft mich tiefer, als ich es zeigen will. Nicht weil ich Angst vor der Kritik habe, sondern weil sie an etwas rührt, das für mich kein taktisches Verhalten ist, sondern eine Überzeugung. Ich will nicht lernen, mich geschickter durchzumogeln. Ich will nicht klüger darin werden, unauffällig zu bleiben, wenn etwas ungerecht ist. Und es verletzt mich, wenn genau das, was ich aus Überzeugung tue, am Ende als Naivität abgestempelt wird. Wenn das Naivität ist, dann ist es eine Naivität, die ich nicht aufgeben möchte, weil das Gegenteil davon bedeuten würde, aufzuhören, der zu sein, der ich bin.
Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen mir und denen, die so mühelos durchkommen. Nicht dass ich weniger klug wäre, sondern dass ich nicht bereit bin, meine Klugheit dafür einzusetzen, Ungerechtigkeit zu übersehen, nur damit sie mich in Ruhe lässt.