Alles hat seine Zeit. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit. Lachen hat seine Zeit, weinen hat seine Zeit. Halten hat seine Zeit, loslassen hat seine Zeit. Nähe hat ihre Zeit, Abschied hat seine Zeit.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich nicht jede Zeit selbst bestimmen kann. Es gab Zeiten, in denen ich festgehalten habe, was ich vielleicht längst hätte loslassen müssen. Menschen, Orte, Erinnerungen. Ich wollte, dass die Nähe bleibt, auch als die Zeit des Abschieds vielleicht schon begonnen hatte. Nicht weil ich nicht verstanden habe, dass sich Dinge verändern, sondern weil mein Herz manchmal länger braucht als mein Verstand.
Helfen hat seine Zeit, gesehen werden hat seine eigene, oft ganz andere Zeit. Ich habe gelernt, mich zu kümmern, weil ich früh gespürt habe, dass Dinge liegen bleiben, wenn niemand Verantwortung übernimmt. Und oft war ich dann derjenige, der sie übernommen hat. Ich helfe, auch wenn es mir selbst manchmal nicht reicht, während andere, die es sich leichter machen könnten, es nicht tun. Nicht weil ich dafür etwas zurückhaben möchte, sondern weil es für mich immer selbstverständlich war, für Menschen da zu sein, die mir wichtig sind. Und dann kommt die Zeit, in der ich merke, dass viele sich nicht mehr daran erinnern oder es zumindest nicht mehr dieselbe Bedeutung hat. Während jemand, der vielleicht weit weniger gegeben hat, allein durch sein Auftreten schneller gesehen wird. Das tut weh, mehr als ich es mir oft eingestehe. Vielleicht auch deshalb, weil ich nie gegeben habe, um gesehen zu werden, aber trotzdem gehofft habe, nicht übersehen zu werden. Zeit schenken hat seine Zeit, Zeit bekommen hat eine andere, manchmal eine Zeit, die nie kommt. Ich habe oft meine eigene Zeit gegeben, ohne darüber nachzudenken, wie kostbar sie eigentlich ist. Aber Zeit für mich kommt nicht immer zurück. Und vielleicht schmerzt gerade das besonders, weil Zeit etwas ist, das niemand zurückgeben kann, wenn sie einmal vergangen ist. Erinnern hat seine Zeit, vergessen werden hat seine Zeit. Ich erinnere mich an kleine Gesten, an stille Unterstützung und an Menschen, die für mich da waren. Und genauso erinnere ich mich an die Menschen, für die ich da war. Aber ich merke auch, dass andere meinen Platz einnehmen. Nicht immer, weil man mich vergessen hat. Manchmal passt es in diesem Moment einfach besser, jemand anderem den Raum zu geben. Manchmal ist es bequemer, manchmal verspricht man sich selbst einen Vorteil davon und manchmal braucht man mich in diesem Moment einfach nicht. Vielleicht ist genau das so schwer anzunehmen. Dass ein Platz, von dem man glaubte, er gehöre irgendwie zu einem, plötzlich von jemand anderem eingenommen werden kann. Nicht weil alles, was vorher war, bedeutungslos geworden ist, sondern weil sich Zeiten verändern. Und trotzdem tut es weh, wenn das eigene Herz noch an einer Zeit festhält, die für einen anderen vielleicht schon vorbei ist. Geben hat seine Zeit, empfangen hat seine Zeit. Ich habe oft gegeben, ohne zu zählen, und dabei manchmal vergessen, dass auch das Empfangen seine Zeit braucht. Dass man nicht immer nur austeilen kann, ohne irgendwann selbst leer dazustehen. Und dass es kein Anspruch auf Gegenleistung ist, wenn man sich irgendwann danach sehnt, dass auch einmal jemand fragt, was man selbst braucht. Oder man bekommt was ohne das man darum bitten muss.
Hoffen hat seine Zeit, zweifeln hat seine Zeit. Reden hat seine Zeit, schweigen hat seine Zeit. Bleiben hat seine Zeit und vielleicht hat auch Gehen seine Zeit. Und ich frage mich, ob ich immer erkannt habe, welche Zeit gerade dran war. Ob ich zu oft an dem festgehalten habe, was schon vorbei war, und zu selten angenommen habe, was gerade ist. Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe. Nicht die Zeiten verändern zu wollen, sondern zu spüren, welche Zeit gerade ist. Auch wenn es die Zeit ist, in der man nicht mehr gebraucht wird wie früher. Auch wenn es die Zeit ist, in der jemand anderes den Platz bekommt, den man selbst einmal hatte. Und auch wenn es weh tut. Denn etwas anzunehmen bedeutet nicht, dass es nicht mehr schmerzen darf. Es bedeutet auch nicht, dass alles richtig war oder dass einem gleichgültig werden muss, was man verliert. Vielleicht bedeutet es nur, zu erkennen, dass man nicht jede Zeit festhalten kann.
Und manchmal ist nicht das Loslassen das Schwerste. Das Schwerste ist zu erkennen, dass die Zeit des Festhaltens vorbei ist, obwohl das eigene Herz noch meilenweit davon entfernt ist.