Alte Moderne Predigt

Alte Moderne Predigt

Ich stelle mir manchmal vor, was geschehen würde, wenn jemand heute auf einen Platz treten und so sprechen würde wie damals auf dem Berg. Keine Bühne, kein Mikrofon, keine Medienberater, die vorher berechnet haben, was ankommt. Nur eine Stimme, die den Menschen sagt, wer von ihnen besonders ist. Wer von ihnen wertvoll ist für diese Welt.

Und ich glaube, es wären andere als die, die wir heute oft für wichtig und bedeutsam halten.

Menschen, auf die wir aufpassen müssen, sind die, die sich in dieser lauten Zeit klein fühlen. Es darf ihnen nicht als Schwäche ausgelegt werden, dass sie empfindsam sind, dass sie zweifeln oder nicht ständig ihre Stärke beweisen müssen, um gesehen zu werden.

Besonders sind die, die trauern, wirklich trauern, um einen Menschen, um eine Freundschaft, um etwas Verlorenes oder um eine Welt, die für sie kälter geworden ist. Denn sie werden getröstet werden, auch wenn dieser Trost manchmal viel leiser kommt als der Applaus, den andere bekommen.

Besonders sind die Sanftmütigen, die nicht schreien müssen, um recht zu behalten. In einer Zeit, in der Lautstärke so oft mit Stärke verwechselt wird, werden sie leicht übersehen. Und trotzdem besitzen sie etwas, das man weder kaufen noch erzwingen kann. Einen inneren Frieden, der nicht davon abhängig ist, andere zu besiegen.

Besonders empathisch sind die, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit für ihre Mitmenschen, in einer Welt, in der es sich viele mit dem, was ungerecht ist, bequem eingerichtet haben. Sie werden satt, wenn es anderen besser geht, selbst wenn sie dafür zurückstehen müssen und manchmal lange darauf warten, dass sich überhaupt etwas verändert.

Liebevoll und warmherzig sind die Barmherzigen. Die einem Fremden noch helfen, obwohl sie selbst müde sind. Die einem Menschen, der etwas falsch gemacht hat, noch einmal in die Augen sehen können, ohne ihn auf diesen einen Fehler zu reduzieren. Die helfen, ohne vorher zu fragen, was sie dafür zurückbekommen.

Und als gesegnet sehe ich die, die reinen Herzens sind. Die nicht anders reden, als sie leben. Die sagen, was sie meinen, und meinen, was sie sagen. Menschen, bei denen man nicht ständig überlegen muss, welche Absicht sich hinter ihren Worten verbirgt.

Gesegnet sind auch die Friedfertigen. Nicht die, die jedem Konflikt aus dem Weg gehen, sondern die, die sich zwischen Menschen stellen, die sich verhärtet gegenüberstehen. Die versuchen, eine Brücke zu bauen, obwohl sie wissen, dass sie dabei selbst verletzt werden können.

Und gesegnet sind die, die für das, was gerecht ist, angefeindet werden. In den Kommentarspalten, in den Familien, in den Betrieben, überall dort, wo es einfacher wäre zu schweigen. Ihnen gehört etwas, das größer ist als jede Zustimmung, die man in dieser Zeit sammeln kann.

Sie sind es, die diese Welt zusammenhalten. Auch heute noch. Nicht unbedingt die, die am lautesten von sich reden, sondern die, die im Kleinen einen Unterschied machen. Ein ehrliches Wort. Eine Geste ohne Berechnung. Eine Hilfe, die niemand sieht und niemand belohnt.

Man merkt es kaum, solange es diese Menschen gibt. Man merkt es erst, wenn sie fehlen. Wenn niemand mehr ehrlich ist. Wenn niemand mehr hilft, ohne etwas dafür zu erwarten. Wenn niemand mehr fragt, wie es einem anderen wirklich geht. Dann wird die Welt nicht mit einem Schlag eine andere. Sie wird einfach still ein kleines Stück kälter.

Sie sind das Licht der Welt.

Man zündet kein Licht an, um es anschließend zu verstecken. Und wenn man so ein Mensch ist, glaubt man vielleicht manchmal aus Angst, zu viel zu sein. Zu empfindsam. Zu weich. Zu naiv. Vielleicht schämt man sich sogar dafür, dass einen Dinge berühren, über die andere einfach hinweggehen.

Aber ich glaube nicht, dass das eine Schwäche ist.

Sein Licht zu zeigen, obwohl man weiß, dass andere darüber lachen oder es ausnutzen könnten, braucht Mut.

Wenn dich jemand beleidigt oder verletzt, ist die erste Regung oft, zurückzuschlagen. Mit Worten, mit Ignoranz oder mit derselben Härte, die man selbst erfahren hat. Ich weiß, wie schwer es ist, das nicht zu tun. Und trotzdem verändert sich nichts, wenn wir immer nur mit gleicher Münze zurückzahlen. Außer vielleicht, dass die Härte in dieser Welt jedes Mal ein kleines Stück größer wird.

Liebt eure Feinde.

Das ist für mich der schwerste Satz von allen. Damals wie heute.

Ich verstehe ihn nicht als Aufforderung, alles hinzunehmen. Nicht als Forderung, sich verletzen, erniedrigen oder ausnutzen zu lassen. Unrecht bleibt Unrecht, auch wenn ich versuche, den Menschen dahinter zu verstehen.

Ich verstehe diesen Satz vielmehr als die Erkenntnis, dass Hass, den man zurückgibt und immer weiter in sich trägt, irgendwann vor allem einen selbst zerstört. Wer uns geringschätzt oder verletzt, tut das manchmal auch deshalb, weil ihm selbst etwas fehlt, das wir vielleicht besitzen. Das macht seine Tat nicht kleiner. Es entschuldigt sie nicht. Aber vielleicht kann dieses Wissen den Hass in uns ein wenig kleiner machen.

Und trotzdem glaube ich, dass es menschlich ist, in einem extremen Moment auch Hass zu empfinden. Wir müssen uns nicht selbst belügen und behaupten, dieses Gefühl dürfe niemals existieren. Entscheidend ist vielleicht etwas anderes. Wir dürfen dem Hass nicht erlauben, darüber zu bestimmen, wer wir werden und was wir tun.

Vielleicht liegt gerade darin eine besondere Form von Menschlichkeit. Dunkle Gefühle in sich zu kennen und trotzdem nicht nach ihnen zu handeln.

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.

Ich ertappe mich selbst oft dabei, wie schnell ich urteile. Über andere und manchmal noch viel schneller und härter über mich selbst. Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe gar nicht darin, niemals zu urteilen. Vielleicht besteht sie darin, sich immer wieder bewusst zu machen, wie wenig wir vom Leben eines anderen Menschen wirklich kennen und wie leicht wir uns irren können.

Bittet, so wird euch gegeben. Sucht, so werdet ihr finden. Klopft an, so wird euch aufgetan.

Ich glaube, das gilt heute genauso, auch wenn wir gelernt haben, möglichst alles selbst kontrollieren zu wollen. Wir planen, berechnen und versuchen, unser Leben abzusichern. Aber es gibt Dinge, die lassen sich nicht erzwingen. Nähe gehört dazu. Freundschaft. Liebe. Vergebung. Trost. Manches kann man nur erbitten und hoffen, dass sich eine Tür öffnet.

Was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut ihnen auch.

Keine Regel, keine Vorschrift und keine noch so große Klugheit ersetzt diesen einen Satz. Er ist so einfach, dass wir ihn ständig vergessen.

Behandle einen Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest, wenn du schwach bist. Wenn du einen Fehler gemacht hast. Wenn du einsam bist. Wenn du Angst hast. Wenn du jemanden brauchst.

Baut euer Haus auf Fels und nicht auf Sand.

Baut euer Leben nicht nur auf das, was gerade zählt. Nicht auf Anerkennung, Likes, Status oder schnelle Bestätigung. Denn all das kann morgen verschwunden sein.

Baut es auf das, was bleibt, wenn der Sturm kommt.

Auf Treue. Auf Ehrlichkeit. Auf Mitgefühl. Auf Freundschaft. Auf die Fähigkeit, einem anderen Menschen die Hand hinzuhalten. Und auf die Menschen, die wirklich bleiben, wenn es nichts mehr zu gewinnen gibt.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Provokation dieser alten Worte.

Unsere Zeit macht vieles sichtbar. Wir können messen, wie viel jemand besitzt, wie erfolgreich er ist, wie viele Menschen ihm folgen und wie viel Aufmerksamkeit er bekommt. Wir können zählen, wie oft jemand gesehen, geteilt oder gelobt wird.

Aber wir können kaum messen, wie barmherzig ein Mensch ist.

Wir können nicht zählen, wie oft jemand geholfen hat, obwohl niemand zugesehen hat. Wie oft jemand geschwiegen hat, obwohl ein verletzendes Wort leicht gewesen wäre. Wie oft jemand geblieben ist, obwohl Weggehen einfacher gewesen wäre. Wie oft jemand e inen anderen aufgefangen hat, ohne jemals dafür Applaus zu bekommen.

Vielleicht würden wir deshalb überrascht sein, wenn heute wieder jemand auf einem Platz stehen und sagen würde, wer die wirklich besonderen Menschen sind.

Vielleicht würde sein Blick an vielen vorbeigehen, die wir für wichtig halten.

Und vielleicht würde er bei Menschen stehen bleiben, die selbst niemals auf die Idee gekommen wären, dass gerade sie gemeint sein könnten.

Ich weiß nicht, ob wir diesen Worten heute noch zuhören würden. Auf einem Platz, ohne Bühne, ohne Mikrofon, ohne Kameras und ohne Likes.

Aber ich glaube, sie sind nicht kleiner geworden, nur weil die Zeit eine andere ist.

Vielleicht brauchen wir sie heute sogar mehr als damals.

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