DER DUNKLE BEGLEITER

DER DUNKLE BEGLEITER

Es gibt Momente, in denen ich eigentlich zur Ruhe kommen möchte , aber genau dann kommt sie, leise und ohne Anlass, eine Angst, der ich keinen Namen geben kann. Solange ich beschäftigt bin, verschwindet sie, als hätte sie nur darauf gewartet, dass ich ihr Platz mache. Sobald es still wird, ist sie da.

Es ist keine Angst um mich selbst, jedenfalls nicht in erster Linie. Es ist die Angst, Menschen zu verlieren, die mir wichtig sind. Nicht durch einen Streit, nicht durch Worte, die man zurücknehmen könnte, sondern durch etwas, das ich nicht beeinflussen kann. Ich denke dann an die, die mir am nächsten stehen, und in mir entsteht ein Gedanke, den ich nicht will und trotzdem nicht wegschieben kann, was wäre, wenn ihnen etwas geschieht.

Ich habe bemerkt, dass diese Angst nichts mit einem bestimmten Ereignis zu tun hat. Sie braucht keinen Grund. Sie kommt nicht, weil etwas passiert ist, sondern weil nichts passiert, weil der Raum leer ist und sich mit irgendetwas füllen muss. Und offenbar füllt er sich am liebsten mit der Sorge um die Menschen, die ich liebe.

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass mir diese Menschen mehr bedeuten, als ich mir selbst bedeute. Wenn mir selbst etwas zustößt, ist das ein Gedanke, den ich ertragen kann. Wenn ich mir vorstelle, dass einem geliebten Menschen etwas zustößt, wiegt das ungleich schwerer. Es ist, als würde ich den Verlust im Voraus fühlen, obwohl es keinen Verlust gibt, nur die Möglichkeit davon.

Es gibt aber noch eine andere Seite dieser Angst, die schwerer zu tragen ist. Es ist nicht nur die Sorge, einen Menschen durch etwas zu verlieren, das ich nicht beeinflussen kann. Es ist auch die Sorge, ihn durch mich selbst zu verlieren, durch das, was ich tue, oder durch ein einziges falsches Wort. Diese Angst wird sogar oft durch Albträume ausgelöst, deren Inhalte sich so verdammt real anfühlen, dass ich nach dem Aufwachen denke es ist grad passiert. Und dann beschäftigt mich es oft den ganzen Tag oder auch darüber hinaus. Und dann immer wieder der Gedanke, das muss genau so sein das kann doch nicht nur ein Traum gewesen sein. Ich weiß, dass diese Gedanken wahrscheinlich nicht der Wirklichkeit entsprechen , und das geträumte niemals echt ist, aber es sagt soviel über meine Angst, als über die Menschen, die ich liebe. Und ich weiß auch, dass dieses Denken verletzend sein kann, weil es so aussieht, als würde ich den anderen nicht vertrauen, obwohl es in Wahrheit mir selbst gilt, meiner Angst, nicht gut genug zu sein oder etwas zu zerstören, das mir viel bedeutet. Das ist der Teil, den ich am schwersten aussprechen kann. Denn wer will schon hören, dass man ihm misstraut, wenn man in Wahrheit nur sich selbst misstraut. Ich möchte niemandem das Gefühl geben, ich würde ihm nicht vertrauen, dabei ist es genau das Gegenteil, ich vertraue, und trotzdem fürchte ich, dieses Vertrauen durch mich selbst zu verspielen. Ich weiß nicht, ob sich diese Angst je ganz auflösen lässt. Vielleicht ist sie der Preis dafür, dass mir Menschen so viel bedeuten. Wer nichts zu verlieren fürchtet, hat vielleicht auch nie wirklich etwas gehalten. Und so bleibt sie ein stiller Begleiter in den ruhigen Momenten, mal laut mal leise aber auch mal überwältigend und schmerzhaft für die Seele, immer bereit, sich zu melden, sobald ich ihr Raum lasse.

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